27.07.2012


Die Mega-Radtour + Ankunft in Ravenna

Heute stehe ich bereits 5:50 auf. Die Dämmerung setzt gerade ein, und ich kann leider nicht mehr schlafen – würde ich gern, aber es wird schon zu warm im Zelt:

Mein Frühstück besteht aus diesemal aus getrockneten Feigen und natürlich einem schönen Kaffee :-).

Viertel sieben bin ich wieder on the road. Ich weiß, dass ich nur noch wenige Kilometer vom Meer entfernt bin und dies ist auch erstmal mein Ziel. Ich würde ja gern was Spannendes zeigen, aber leider sieht es die ganze Zeit so aus:

Der Radweg geht exakt geradeaus und verschwindet irgendwo am Horizont. Da hinten soll dann auch irgendwo das Meer sein :-)

Ich erreiche dieses Schild und mein GPS meint, ich muss hier nach rechts…

Aber ich liege gut in der Zeit und will erstmal zum Meer. Außerdem habe ich keine Lust, nochmal auf einer Bundesstraße zu fahren. So werden es zwar etliche Kilometer mehr, aber ich habe mir bereits einen groben Plan anhand der Karte gemacht und es geht laut dieser bis auf kurze Stücken auch ohne Bundesstraße bis Ravenna. Es ist nicht ganz leicht, da es keine Küstenstraße gibt, und etliche Kanäle ins Meer führen, wo der Umweg zur nächsten Brücke locker mal 20 Kilometer ausmachen kann. Egal, ich habe Felix telefonisch noch nicht erreichen können und eigentlich kann ich mir auch einfach noch einen Tag mehr Zeit lassen :-)

Ich erreiche kurze nach dem Hinweisschild endlich das Meer.

Wieder mal habe ich auf meiner Radtour einen Meilenstein erreicht, der mir gerade bewusst macht, was ich schon geschafft habe. Von Innsbruck über die Alpen bis zum Meer bin ich schon gekommen! Und Ravenna liegt in greifbarer Nähe :-).

Leider ist diese Stelle hier total untauglich zum Baden! Eigentlich wollte ich stilecht über einen Sandstrand direkt bis zum Wasser fahren und dann schreiend auf das Wasser zurennen und das Ganze als Video festhalten. Naja, ein Video habe ich zwar gemacht, aber neidisch wird man da wohl eher nicht ;-)

Ich beschließe, den Plan mit dem morgendlichen Bad im Meer erstmal fallen zu lassen, und es später nochmal an einer anderen Stelle zu versuchen. Also fahre ich nun ohne konkrete Routenplanung weiter nach Karte Richtung Süden.

Ich mache mein zweites Frühstück an einem kleinen Steg. Es gibt nix besonderes zu sehen außer haufenweise Mückenstiche. Help!

Die Radwege sind immernoch schattenlos und scheinen irgendwo am Horizont zu verschwinden. Hier sieht man nur alle paar Stunden mal einen Menschen. Ich kann hier total in der Musik versinken und in meinen Gedanken abtauchen.

Kein Wunder, dass man keine Menschenseele sieht. Wer ist bei dieser Hitze schon so verrückt und geht vor die Haustür?!

Es ist gerade mal halb 12! Ich brauche heute auf jedenfall Unmengen an Trinkwasser denn die Sonne gibt wie immer ihr Bestes :-)

Eigentlich bin ich viel glücklicher als man beim Anblick dieses Bildes vermuten mag. Es ist nur sehr hell und ich krieg die Augen deshalb nicht so ganz auf ;-)…

Bisher habe ich heute knapp 3 Liter Wasser getrunken. Meine zweite Frühstückspause ist schon eine Weile her und ich mache irgendwo Mittag. Leider gibt es von diesem überragend spannenden Ereignis keine weiteren Bilder ;-). Ich schalte bei der Gelegenheit gleich nochmal mein Handy ein… Sehr gut, Felix hat geschrieben. Ich rufe ihn direkt zurück. Er ist gerade von Dienstreise zurück und meint, dass er in Kürze zuhause ankommen wird. Ich vereinbare mit ihm, dass ich mich später nochmal melde, da ich noch am Überlegen bin, wie weit ich heute fahren will.

Ich setze mich nochmal eine ruhige Minute mit dem GPS hin und schaue, was ich heute streckentechnisch noch schaffen kann. Hmm, wenn ich weiter meine Radwege fahre, wird es heute sicher nix mehr mit Ravenna. Ein Bett und eine warme Dusche warten auf mich. Das ist schon sehr verlockend muss ich sagen! Ich beschließe, die Route nochmal umzudisponieren, um heute bis nach Ravenna durchzufahren. Es wird nun doch einen Teil geben, wo ich die Bundsstraße fahren muss. Aber das werde ich nur dort machen, wo es aufgrund zu großer Umwege einfach nicht anders geht… Ich zahle die Rechnung und gebe Vollgas – ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit da sein, also spätestens gegen 21 Uhr.

Ich sehe kurz darauf diese bemerkenswerte Brücke, die aus alten Booten zusammengebaut wurde. Die erlaubten 5 km/h überschreite ich locker um das 4-fache, denn ich habe keine Zeit für solche Kinderspielchen ;-). Eine Polizistin, die sich gerade mit dem Brückenwachtmeister (?) unterhält, grüßt glücklicherweise trotzdem freundlich :-)

Ich habe danach nur wenig Zeit für Fotostops, die Zeit wird heute sehr knapp. Hier verlasse ich gerade die Provinz Ferrara.

Es ist viertel 6, aber ich freue mich viel zu früh über dieses Schild! Von hier aus sind es noch mehr als 3 Stunden Fahrzeit bis zur eigentlichen Stadt.

Nochmal was zu meiner neuen Routenplanung… Mit dem GPS ist das so eine Sache. Auf die Schnelle kann man nur die Entfernung per Luftlinie anzeigen. Dazu kommt noch, dass ich fälschlicherweise die falschen Zielkoordinaten drin habe, wie ich nach einem weiteren Telefongespräch mit Felix feststelle (verlasst euch niemals auf das Internet!). Ravenna ist Luftlinie nochmal ca. 15 Kilometer weiter von meinen Zielkoordinaten entfernt als von mir angedacht! Ich habe aber nun mit Felix vereinbart, dass ich noch heute komme, und es ist immernoch machbar wenn ich mich zusammenreiße! Dadurch, dass heute die langwierige Zeltplatzsuche entfällt, kann ich durchfahren. Es geht nun auf schnellstem Wege weiter.

Die Bundesstraße habe ich seit einiger Zeit satt, auch wenn es hier zur Abwechslung mal einen ca. 1 Meter breiten Seitenstreifen gibt. Meine Beine sind dank der Sonnencreme als Haftgrundlage voll mit Ruß, Dreck und Partikeln von Reifenabrieb – etwa 15 Kilometer nördlich von Ravenna verläuft laut GPS weitestgehend parallel zur Bundesstraße ein Radweg. Den Radweg lasse ich mir trotz der Strapazen heute nicht nehmen! Das letzte Stück kann ich nun ohnehin recht gut zeitlich kalkulieren, und ich beschließe, dass ich mir die zusätzliche Zeit nehme.

Wie man sieht, ist es eher ein Trampelpfad. Ich habe leider nicht nochmal Zeit für ein Foto, aber der Weg wird kurz darauf richtig heftig. Aufgrund der Nähe zum Meer weicht das Gras plötzlich sandigem Boden. Zum Teil sinke ich sehr tief ein und bin weitestgehend manövrierunfähig :-). Da hilft nur Geschwindigkeit und Entlasten des Vorderrades. Leichter gesagt als getan, nach der heutigen Strecke von mittlerweile 140 Kilometern und mit dem Hänger inkl. Gepäck, mit dem man leider nicht gut stehend fahren kann. Aufgeben und schieben wäre aber noch viel anstrengender, also nehme ich meine letzte Energie zusammen! Ich stürze zum Glück nicht, auch wenn es manchmal mehr als knapp ist…

Kurz nach 20 Uhr passiere ich ziemlich ausgezehrt und mit letzter Kraft das Ortsschild von Ravenna!!! Fast geschafft!

Es dämmert bereits. Gegen halb 9 erreiche ich nach 155 Tageskilometern und 6 Liter Trinken das Haus von Felix! Das war meine Bestleistung auf der gesamten Tour. Immerhin fahre ich schon seit einigen Tagen, habe haufenweise Gepäck, und vor allen Dingen ist es sehr heiß.

Hätte ich heute morgen gewusst, was auf mich zukommt, dann wär ich wohl lieber direkt ans Meer gefahren und wäre erst am nächsten Tag nach Ravenna durchgestartet ;-). Naja, “hätt der Hund nicht geschissen, hätt er den Hasen gefangen”, und außerdem hab ich es ja nun hinter mich gebracht :-)

Das letzte Mal Baden war ich vor 2 Tagen. Die Sonnencreme hat sich auf meinen Armen zu einem Einheitsbrei aus Mücken und Dreck vermischt. Meine Beine sehen aus wie nach einem Arbeitstag im Kohlebergwerk. Nach der Begrüßung von Felix springe ich deshalb erstmal unter die Dusche! Maaaan, was für ein Gefühl! Ich fühle mich wie neu geboren :-)!

Ich bin total im Eimer und genieße den Abend sitzend/liegend auf einem Sofa und mit Bier im aklimatisierten Wohnzimmer. Es ist wie eine andere Welt – die letzten Tage haben mich gelehrt, diesen westlichen Standard nicht als gegeben zu akzeptieren. Ich glaube manche Leute wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, wenn ich mir die immer nörgelnden und meckernden Hartzer usw. vorstelle. Die sollte man auch mal auf so eine Reise schicken ;-).

Von dem Bett innerhalb von 4 schützenden Wänden ganz abgesehen. Ich kann hier meine Arme seit langem wieder ausbreiten, meine Füße und mein Kopf stoßen nicht an einer Zeltwand an. Es ist kühl, ich höre keine nervenden Zikaden, es gibt keine Schnecken und die Matratze ist himmlisch weich. Man kann sich sicher gut vorstellen, dass ich nur wenige Sekunden im Bett liege, bevor mir die Augen zufa… … .. . . ..  *schnarch*

Distanz: 154424 m
Maximale Höhe: 20 m
Minimale Höhe: -7 m
Total Time: 13:10:49

 

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