24.07.2012


Der See ruft

Wuaaaah! Was für eine Nacht! Ich bin total im Eimer. Es dämmert gerade und der Zug hämmert schon wieder seit einigen Stunden im 20 Minuten Takt an mir vorbei. Außerdem tut mein Knie weh…

:-)  :-)  :-)

Ungewaschen und verschwitzt packe ich mein Zelt zusammen und sehe zu, dass ich hier wegkomme, denn auf dem Radweg sind schon die ersten Jogger unterwegs.

Ich fahre los und kurze Zeit später geht es einen kleinen Pass hinauf. Es lohnt sich, die Aussicht hier ist wirklich der Knaller.

Da komm ich her:

Schön oder?

Ich folge weiter dem Radweg und als wär der Ausblick nicht genug gewesen, eröffnet sich kurze Zeit später ein ehemaliger Eisenbahntunnel vor mir.

Solche Radwege sind doch echt ein Traum!

Leider geht es nicht lang so weiter. Ich muss kurze Zeit später auf eine Bundesstraße ausweichen und bekomme das erste mal die Mentalität der italienischen Autofahrer zu spüren. Am schlimmsten sind eigentlich die LKW- Fahrer. Vermutlich aus Angst, am Berg durch Bremsen schwung zu verlieren, rasen die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit vorbei. Gegenverkehr? Kein Problem! Der Radfahrer braucht doch nur 50 cm vom Fahrbahnrand. Die haben echt ne Vollmeise! Jedesmal wenn mich so einer überholt, drückt mich erstmal die Luftwand nach rechts. Sobald der LKW vorbei ist, werde ich vom Sog auf die Straße gezogen. Noch dazu kriegt man den ganzen Dreck ab. So dicht fahren die Idioten vorbei! Wenn da mal 2 oder 3 LKW direkt hintereinander kommen, kann das verdammt knapp werden, wenn man irgendwie ins Schlingern gerät :-(.

Ich beeile mich, diese Straße hinter mich zu bringen und mache keine Fotos, hätte sich auch nicht wirklich gelohnt. An einer Brücke machte ich Rast und es gibt erstmal lecker Spaghetti. Yamm!

Während die Nudeln kochen,  hab ich auch endlich mal etwas Zeit, den Hänger ordentlich zu packen. Es musste heute morgen alles sehr schnell gehen, und dementsprechend liegt mein ganzer Krempel irgendwie im Hänger drin. Die Tasche geht kaum zu und es fliegt alles durch die Kante und klappert rum…

Bei der Gelegenheit habe ich mal meinen ganzen Unrat abgelichtet um euch zu zeigen, was ich alles dabei habe. Wie ihr im obigen Bild sehen könnt, habe ich zusammengehörende Gegenstände in Form von Tupperdosen gruppiert. So findet man alles schnell und hat mit wenigen Handgriffen beispielsweise das komplette Werkzeug, die “Küche”, oder auch alle Waschutensilien direkt in der Hand.

Teil 1:

herumliegend:

  • Mini Standluftpumpe
  • Fahrradschlauch
  • 2 x Insektenspray
  • Mülltüten

große Tupperdose:

  • 2 x Buch (habe ich im Nachhinein nicht gebraucht)
  • Taschentücher (Füllmaterial)
  • 1 x frische Kleidung für die Ankunft in Ravenna (Unterhose + Socken)

kleine Tupperdose oben rechts:

  • Schmerzmittel
  • Antibiotika
  • Analgin
  • Kohletabletten
  • Pflaster
  • 2 x Mullbinde
  • Antiallergikum
  • Magnesiumtabletten

kleine Tupperdose unten rechts:

  • Taschentücher (Füllmaterial)
  • 2 x Pannenset
  • Dichtmilch
  • 3 x Reifenheber

Teil 2:

herumliegend:

  • oben: Beutel mit Essen (Fertiggerichte)
  • Klopapier
  • Benzin für den Kocher
  • Melkfett für den Hintern
  • Kaffeepott
  • Fahrradlampe
  • Deo

kleine blaue Tupperdose links unter der Fahrradlampe:

  • Kaffee

kleine blaue Tupperdose unter dem Deo:

  • Ersatzatterien AA für GPS
  • Ersatzakku für Digicam
  • Ladegerät Digicam

große Tupperdose:

  • Zahnbürste
  • Zahnpasta
  • Insektenschutz
  • Rei aus der Tube
  • Kühlgel
  • 2 x Sonnenmilch (30er und 50er, eine hätte eigentlich gereicht)
  • kleine Flasche Duschgel
  • Oropax

Tupperdose rechts:

  • Taschentücher (Füllmaterial)
  • Allzwecktool mit verschiedenen Torx- und Inbusschlüsseln + Kettennieter
  • Allzwecktool mit Schraubenzieher und verschiedenen Maulschlüsseln etc.
  • noch ein Flickzeugset
  • Alleskleber
  • Franzose (verstellbare Zange)
  • Kombizange

Teil 3:

  • Regenhose
  • Regenjacke
  • Hut

Teil 4:

  • gutes T-Shirt für die Ankunft in Ravenna
  • Badehose

Teil 5:

  • Pullover
  • 2 x Trikot (ein Trikot habe ich gerade an)
  • 2 x Radhose (eine davon habe ich gerade an ;-) )

Teil 6:

  • Kopfkissen
  • Zelt
  • Schlafsack
  • LuMaTra
  • Netz, um Kleider zusammen zu schnüren
  • Mikrofaserhandtuch

Teil 7:

  • dickes Schloss fürs Fahrrad
  • Spiralschloss, um nachts Hänger + Tasche zu sichern

Teil 8:

  • Kocher
  • Alugeschirr (2 Töpfe)

  • Zündstein
  • Taschenmesser
  • Besteckset (Löffel, Gabel, Messer)
  • Tuch
  • Wäscheklammern
  • Flasche Wasser und Verpackung vom Benzinkocher

(Alle Kleingegenstände vom letzten Bild befinden sich im Normalfall mit im Alugeschirr, eingewickelt in dem Tuch)

Lenkertasche obere Ebene:

  • Brillenetui
  • Portemonnaise
  • Kamera (habe ich gerade in der Hand)
  • im Reißverschlussfach: Tagebuch, Stift, eins mehrerer Geldfächer
  • GPS und MP3 Player auf der Tasche im Kartenhalter (sieht man gerade nicht)

Lenkertasche mittlere Ebene

  • Kopfhörer
  • Pfefferspray

Lenkertasche untere Ebene:

  • Handy
  • Komprimierte Handtücher
  • Schokolade und Proteinriegel (diese sind im Laufe der Tour ganz oben verstaut, da man da recht oft ran muss)

Musik alle?

Wie Du siehst, habe ich eine ganze Menge Ausstattung dabei. Ich bin zwar insgesamt nur 2 Wochen unterwegs, aber prinzipiell braucht man für diese Zeit bereits die gleiche Ausstattung wie ein Langzeitreisender. Ich könnte mit diesem Equipment auch nach den 2 Wochen Urlaub ohne Probleme weiterreisen. Bis auf die 2 Bücher und hier und da ein bisschen zuviel des Guten (irgendwelcher Kleinkram), kann ich auf keinen einzigen der Gegenstände verzichten.

Das Gewicht der Packtasche beträgt geschätzt etwa 25 kg. Der Hänger wiegt nochmal rund 7-8 kg.

Da Du nun vollends über mein Equipment informiert bist, kann es jetzt endlich mit der Radtour weitergehen! Ich hoffe dieser Schwenk war nicht allzu langweilig, ansonsten hast Du den Part hoffentlich längst übersprungen :-)

Nach der Brücke macht die lästige Bundesstraße eine Kurve und der erhoffte Radweg taucht links vom Fluss auf. Hinweisschilder zeigen nun, wo man sich in etwa befindet. Ich muss heute noch bis hinter Trento, wo mich ein hoffentlich sehr schöner Bergsee erwartet. Den See möchte ich unbedingt erreichen, da ich mich seit gestern mittag nicht mehr waschen konnte.

Ich merke bereits, dass ich immer weiter nach Süden komme. Es wird spürbar wärmer, und die Äpfel sind in dieser Region bereits genießbar. Ich muss mir natürlich ab und zu mal einen stibitzen.

Kurz darauf treffe ich eine kleine Hasenfamilie. Die Großen sind ganz zahm und kommen direkt zu mir um zu betteln. Ich hab aber nix, und außerdem gibt es hier genug zu fressen :-)

Ihren Kleinsten haben sie einfach unten am Fluss stehen lassen! Der sieht schon ganz blass und ängstlich aus :-)

Naja, genug Zeit mit der Familie verbracht. Sie wollten sich ohnehin nicht streicheln lassen. Ich fahre weiter und erreiche Trento. Wiedermal muss ich eine ziemlich heftige Steigung bestreiten, um in das Nachbartal von Trento zu kommen. Definitiv der zweitheftigste Teil meiner Radreise. Jetzt ist es aber bestimmt 10°C wärmer als am Reschenpass. Die Mittagssonne knallt unerbittlich auf mich herab. Da ich mein Knie nicht weiter verschandeln will, schiebe ich hier. Der Reschenpass war eine Glanzleistung – ich kann mich deshalb mit dieser Entscheidung arrangieren ;-).

Oben angekommen, fahre ich den Berg auf der anderen Seite wieder herunter. Was für eine Abfahrt! Aber Moment mal… was macht denn das GPS hier für einen Mist. Angeblich ging da gerade ein Weg von der Hauptstraße ab?! Da war aber gar nix. Muss wohl ein Fehler sein. Ich fahre noch 2 km weiter die Abfahrt runter. Oh-oh! Irgendwas stimmt doch hier nicht! Laut GPS gibt es hier keinen Weg mehr in das Nachbartal, wo der See ist und wo ich heute hin muss. Ich müsste nach links, aber da tun sich plötzlich nur noch Bergmassive auf. Fuck!

Ich schaue nochmal auf das GPS. Ich muss den Abzweig übersehen haben. Es gibt keine andere Möglichkeit, als den ganzen Berg wieder hochzuschieben. Was soll’s, die Zeit für mein Tagesziel wird knapp, ich drehe um und schiebe meinen Karren mit ca. 40kg Gesamtgewicht wieder den Berg hoch. Ich laufe total aus. Kein Wind, Nachmittagssonne. Es ist schwül und unglaublich heiß. Schatten gibt es absolut gar keinen.

Ich brauche etwa 45 Minuten, bis ich am vermeintlichen Abzweig ankomme. SEHEN kann ich ihn nicht! Was soll da sein? Ich gehe zum Rand der Fahrbahn. Hinter dem Bordstein der Straße sind eine Menge Gehölz und Büsche zu sehen. Aber tatsächlich, ein paar Meter dahinter fängt eine stillgelegte Straße an. Die muss seit mindestens 10 Jahren ungenutzt sein. Da hab ich ja Glück, dass es hier überhaupt noch langgeht, denn meine Routenplanung basiert im Wesentlichen auf Google Maps Satellitenansicht und OpenStreetMaps. Ich kämpfe mich durch das Unterholz. Vollkommen erschöpft mache ich erstmal Pause, da es hier endlich etwas Schatten gibt.

Ich fühle mich 10 Jahre älter und ich glaube so sehe ich hier auch aus :-)

Aber ehrlich mal. Da komme ich her, und so zugewachsen wie es am Ende der Straße ist, hat man von außen kaum eine Chance den Eingang zu erkennen:

Hier geht es weiter:

Es ist 16:10. Ich überlege für einen kurzen Moment, ob ich es für heute lassen soll und einfach hier noch ein bisschen entspannte, um dann ein Lager für die Nacht aufzuschlagen.

Aber ich bin total verschwitzt, und ich habe immernoch den See als Ziel vor Augen. Es wird sicher knapp mit der Zeit, aber ich kann es schaffen… also fahre ich weiter.

Ich fahre jetzt auf schnellstem Wege und ohne weitere Fotos, und gegen 19 Uhr habe ich es geschafft! Lago di Caldonazzo!!! JA! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Einen Nachteil hat die Sache. Ich hab ziemlich viele Höhenmeter verloren, um zum See zu kommen. Es besteht keine Chance mehr, woanders zu übernachten, außer ich fahre im Dunkeln. Also umrunde ich den See zur Hälfte. Es ist leider ein touristisch erschlossener See mit diversen Hotels und Privatgrundstücken. Ich sehe vorerst keine Möglichkeit zu campen. Unterwegs finde ich einen Campingplatz. Ich frage nach, ob noch Platz ist, aber leider ist schon alles belegt.

Was soll’s, ich geh jetzt erstmal schwimmen :-) Irgendwas wird mir schon einfallen. Ich stell’ meinen Krempel an einem Steg ab springe in den See. Das Wasser ist hier im Vergleich zum Reschensee richtig schön warm. Nach dem Baden fühle ich mich endlich mal wieder richtig sauber.

Die einzige akzeptable Stelle, wo ich vielleicht nicht gleich gesehen werde, ist diese hier:

Blöd, was? Sobald hier jemand vorbeiläuft, werde ich entdeckt. Ich beschließe, einfach zu warten bis es richtig dunkel wird, und dann ohne Zelt direkt neben dem Picknicktisch zu übernachten. Ein bisschen wie ein Penner :-) Naja, muss man auch mal erlebt haben, und wirklich kalt wird es hier nachts nicht.

Ich setze mich an den Tisch und setze die Suppe auf. Während der Benzinkocher sein Bestes gibt, wasche ich ein paar meiner Sachen im See und schreibe danach an meinem Tagebuch weiter.

Leider tauchen in 10 Meter Entfernung ein paar Angler auf, wahrscheinlich gehört denen das Privatgrundstück nebenan. Die scheren sich zwar nicht um mich, aber bisher sitze ich ja auch nur als Picknicker hier rum. Ob die auch entspannt bleiben, wenn ich mich hier nach dem Essen hinlege…?

Hier sehe ich eigentlich noch recht relaxed und zuversichtlich aus, die Angler werden schon irgendwann abhauen!

Doch was nun folgt, ist ziemlich bitter! Noch während ich esse, braut sich ein Gewitter zusammen. Ich schlinge so schnell wie ich nur kann das heiße Zeug meinen Schlund runter, aber der Regen setzt bereits ein.

Es entwickelt sich zu einem regelrechten Wolkenbruch. Ok, mein jetziger Plan läuft voll daneben. Einen Plan B gibt es leider auch noch nicht. Ich packe hastig mein Hab und Gut ein, nur die gerade gewaschene Kleidung lasse ich erstmal kurz hier, die hängt bereits über der Sitzlehne und sollte da eigentlich trocknen.

Ich renne mit dem Rad in einen halbwegs mit Bäumen geschützten Weg hinein. Es ist schon fast dunkel. Es gießt nun aus Eimern und panisch rupfe ich das Zelt aus dem Hänger. Natürlich brauche in der Eile und der Dunkelheit gefühlt ewig lang, eh das Ding steht. Ich bin schon ganz nass und das Zelt steht mit ach und Krach irgendwie im Schlamm. Schnell blase ich die LuMaTra auf und roll den Schlafsack aus. Jetzt aber nix wie rein ins gute Stübchen.

Es ist schon zappenduster und es regnet weiter. Im Zelt liegend merke ich, dass es schief steht. Eigentlich ist das das Schlimmste, was beim Campen passieren kann. Man rollt immerwieder in eine Richtung. Das ist wirklich unglaublich nervig. Als der Regen nachlässt versetze ich das Zelt nochmal ein wenig und kann nun endlich einschlafen. Diesmal brauche ich aber Oropax, da die Hauptstraße 5 Meter neben mir verläuft…

Achja, ich hab mir während des Zeltaufbaus einen sehr dürftigen Plan B ausgedacht, falls ich entdeckt werde. Da ich diesmal sehr offensichtlich campe, ist meine Ausrede im Notfall, dass der Campingplatz schon besetzt war und ich keinen Schlafplatz mehr bekommen habe. Das stimmt ja sogar. Aus Sicherheitsgründen wegen dem Gewitter habe ich also das Zelt nur für kurze Zeit aufgeschlagen, um dem Schlimmsten zu entgehen. Ja, nicht sehr vielversprechend, vor allem da hier keiner deutsch oder englisch spricht. Ich hoffe insgeheim, dass aufgrund des Regens einfach niemand vorbeikommt und sich für mich oder mein Zelt interessiert ;-).

Ich verbringe die Nacht ohne Vorkomnisse, und stehe am nächsten Tag bereits im Morgengrauen wieder auf.

 

Distanz: 114455 m
Maximale Höhe: 685 m
Minimale Höhe: 195 m
Total Time: 13:37:06

 

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