23.07.2012


Seitenwechsel

Ich wache auf, sobald die Dämmerung beginnt, und bleibe noch etwas im Zelt liegen, denn es sind nur 11°C und ich liege hier in einem kuscheligen Schlafsack. Gegen 7:30 reißt endlich die Wolkendecke auf, und die ersten Sonnenstrahlen kommen heraus.

Ich stehe auf und mache mir erstmal einen leckeren Kaffee. Das Zelt muss nun noch eine Weile in der Sonne stehen bleiben, bis die Feuchtigkeit verdunstet ist.

So, erstmal noch die Zähne putzen… :-) Ich stehe am Fluss und mir wird grad bewusst, dass ich mit meiner Zeltplatzwahl ziemlich viel Glück hatte. Gestern abend hatte ich überlegt, direkt neben dem Flussbett zu campen, da dort ein schöner breiter Sandstrand ist. Jetzt beim Zähneputzen fällt mir auf, dass von diesem Strand nichts mehr vorhanden ist. Offensichtlich wird das Wasser aufgestaut, und dann morgens rausgelassen, damit sämtliche Wasserkraftwerke zur Stoßzeit, also zur Aufstehzeit, den Energiebedarf der Haushalte decken können. Mein Zelt hätte auf jedenfall 20-30 cm tief in einem reißenden Strom gestanden. Schwein gehabt :-)

Ich brauche noch etwas, bis ich alles gepackt habe, dann schiebe mein Fahrrad hoch zum Radweg, setze meine Kopfhörer auf und fahre ca. 9:30 los.

Bereits nach einer knappen Stunde erreiche ich die Drei-Länder-Grenze von Österreich, der Schweiz und Italien. Ich muss durch einen ziemlich finsteren Tunnel fahren, was in Anbetracht des Verkehrs nicht besonders angenehm ist. Irgendein Spinner rast mit seinem LKW mit gut 100 km/h an mir vorbei, mit einem Abstand von vielleicht 30 cm. Sowas muss echt nicht sein! Ohne weitere  Vorfälle erreiche ich die Grenzstelle und darf ohne weitere Kontrollen passieren.

So sieht es hinter mir aus, ein leichter Anstieg (für die Erfurter: vergleichbar mit dem Anstieg vom Binderslebener Knie hoch zum Flughafen):

…und das hier liegt jetzt vor mir:

Der Reschenpass ist eine recht steile Serpentinenstraße, die auf einer Länge von ca. 8 km abartig steil ist. Ich hatte vorher im Internet gelesen, dass man hier als Radfahrer auf einen Shuttlebus umsteigen soll, weil nicht machbar. Wohlgemerkt schreiben das Leute, die mit dem Gepäck für einen Tagesausflug (kleiner Rucksack) unterwegs sind… Papperlapapp! Die Passüberquerung ist doch DIE Herausforderung der kompletten Tour. Hier in den Shuttle umzusteigen steht mal gar nicht zur Debatte. Wenigstens probieren will ich es! Ich biege nach links Richtung Italien ab, und hinter der nächsten Kurve wird es auch schon gnadenlos steil.

Ich fahre von jetzt an nur noch im ersten Gang, und wünsche mir die meiste Zeit, noch ein oder zwei Gänge hochschalten zu können. Mit ca. 8 km/h eiere ich den Pass hoch. Der Hänger möchte am liebsten gemäß der ihm zugrunde liegenden physikalischen Eigenschaften schnurstracks zurück ins Tal und wehrt sich wehement gegen meine Pedaltritte. Aber keine Chance, der kommt ma schön mit! ;-)

Eine halbe Stunde später, so ca. bei der Hälfte vom Pass, brauche ich eine kleine Trinkpause und schieße bei der Gelegenheit ein paar Fotos. Bei den Häusern, die man auf dem Bild unten in der Ferne sehen kann war ich 8:40. Jetzt ist es 10 nach 9:

10 Minuten später fahre ich weiter und bezwinge die zweite Hälfte vom Aufstieg. Und siehe da, nach mehreren Kehren, bei denen man letztendlich nur noch hofft, dass es hinter der nächsten Kurve endlich flacher wird, bin ich fast ganz oben! Yeah! Ohne aufgeben, ohne schieben, und eigentlich mit recht wenig Verkehr. Es war hart, aber ich bin stolz auf mich, nicht den einfachen Weg mit dem Shuttle gewählt zu haben :-)

Ich komme allerdings nicht ungestraft davon. Leider merke ich wieder einen pulsierenden Schmerz im rechten Knie, und das quasi schon am frühen morgen. Mist! Aber wenigstens ist die schwierigste Stelle der Tour geschafft, und dank der Klickpedale kann ich das rechte Bein von nun an etwas entlasten, solang es nicht zu steil bergauf geht. Es wird irgendwie gehen müssen.

Von jetzt an geht es mal bergauf, mal bergab. Die Megaabfahrt lässt also noch auf sich warten. Der höchste Punkt liegt zwischendurch bei ca. 1500 Meter. Ich mache 11:30 erstmal Rast in Nauders und kaufe Toastbrot, Wurst und Käse ein. Danach finde ich ein Restaurant. Es gibt Wiener Schnitzel mit Pommes. Eine astreine Kalorienbombe, genau das was ich jetzt brauche!

Auch eine schöne Burg, die Burg Naudersberg, gibt es hier zu sehen:

Nach dem Mittag fahre ich ein Stück weiter, und komme am Reschensee an. Der Reschensee ist in Wahrheit ein Stausee und bietet eine interessante Eigenschaft. Früher war hier ein Dorf, was im Zuge der Aufstauung unter dem Wasser verschwand. 163 Häuser wurden dabei unter den Wassermassen begraben. Einzig der Kirchturm vom damaligen Ort “Alt-Graun” ragt noch immer aus dem Reschensee empor:

Es ist sehr idyllisch hier…

Das Wasser ist absolut klar und ich bin noch ganz verschwitzt vom Reschenpass. Deshalb nehme ich erstmal ein Bad.

Kaum mit den Zehen im Wasser, merke ich, warum ich der einzige Idiot bin, der hier baden geht. Das Wasser ist wirklich mal so richtig arschkalt. Dagegen ist das kalte Wasser aus einem Wasserhahn ein schlechter Witz. Keine Ahnung wie kalt das ist, aber wenn man den Kopf untertaucht kriegt man fast schon Gehirnfrost :-). Kein Wunder, dass es so klar ist, das ist der reinste Kühlschrank, da drin überlebt bestimmt kein Lebewesen den Winter. Ich schwimme 1-2 Minuten und wasch mir noch fix die Haare. Länger halte ich es beim besten Willen nicht aus! Aber ich bin wieder absolut frisch, und die Sonne sorgt für schnelle Trocknung und mir ist schnell wieder warm.

Nach diesem Erlebnis fahre ich weiter und passiere eine weitere Burg. Leider ist mir der Name entfallen.

Was nun folgt ist die längste und schönste Abfahrt meines Lebens. Es geht von 1500 Höhenmeter runter auf 500 Meter. Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Videoclip aufgezeichnet, den ich euch nicht vorenthalten möchte (leider etwas verwackelt, und schnell konnte ich mit der Kamera nicht fahren):

Ich passiere auch wieder mehrere kleine Dörfer, die wirklich sehenswert sind. Hier sieht man mal das Dörfchen Burgusio. Das Dorf stammt noch aus der Zeit der Römer, da sich hier eine Festung zur Verteidigung der Handelsrouten befand.

Gegen 14 Uhr neigt sich die steile Abfahrt ihrem Ende zu, und ich nehme im Schatten einiger verlassener Gehöfte erstmal eine Zwischenmahlzeit ein.

Naja gut, Zwischenmahlzeit war untertrieben. Obwohl es gerade Mittag gab, geht der komplette Käse und die Wurst drauf. Vom Toastbroat bleibt nur wenig übrig. Man braucht ständig was zu essen auf so einer Radtour!

Aber egal, jetzt schaut mal diesen praktischen Hänger an. Die Badehose und die frisch gewaschenen Socken habe ich zum Trocknen draufgespannt – klappt 1A :-)

Nach dem Snack geht es mit voller Energie weiter, natürlich darf Musik wie immer nicht fehlen ;-)

Es geht immernoch schön bergab, und auch die Landschaft verändert sich wiedermal. Die Wege sind jetzt gesäumt von Apfelplantagen so weit das Auge reicht. Es ist eigentlich nichts anderes zu sehen, abgesehen von ein paar Gehöften hier und da.

Mit Übernachten wird es hier auf jedenfall schwierig, vor allem wegen den automatischen Bewässerungsanlagen. Da will ich mich nicht unbedingt hinstellen, die sind aber quasi überall und gehen mit Sicherheit genau dann los, wenn ich mein Zelt auf- oder abbaue. Murphy’s Gesetz eben!

Trotz des Knies beschließe ich, mindestens bis nach Meran weiterzukommen, und mich erst dort wieder nach einer geeigneten Campingstelle umzusehen, in der Hoffnung, dass dort das Tal etwas weitläufiger ist, und dadurch mehr Platz neben den Feldern ist. Ich fahre noch eine ganze Weile durch die Apfelplantagen. Es ist wirklich wunderschön hier! Unterwegs tauchen immer mal wieder kleine Dörfer auf, die eigentlich immer einen kleinen Brunnen mit Trinkwasser zu bieten haben. Diesen Service nehme ich sehr gern in Anspruch :-).

Weiter geht’s, und in einem der folgenden Orte habe ich plötzlich ein Dejà-vu Erlebnis, nur mit dem Unterschied, dass ich genau an dieser Stelle schonmal vor 3 Jahren war. Damals habe ich einen Kumpel besucht, der von Beruf Steinmetz ist und für einige Zeit in Laas im Marmorbruch eine Weiterbildung gemacht hat. 2009 habe ich noch in München gelebt und bin dann spontan mit dem Auto nach Laas bzw. Schlanders gekommen, um ihn zu besuchen (Hallo Hugi :-) ). Ich bin überrascht und gleichzeitig irgendwie gerührt, als ich tatsächlich wieder vor dem Marmorbruch stehe, nur diesmal mit Fahrrad. Sachen gibt’s!

Nach diesem Erlebnis fahre ich weiter. Viel Spannendes gibt es erstmal nicht zu sehen, da die Aussicht eigentlich nur aus Apfelplantagen besteht. Unterwegs sieht man einige alte Festungen.

An einem Zwetschgenbaum mache ich nochmal Halt, und pack mir ein paar dieser gesunden Früchte als Vorrat ein. Lecker, oder?

In Meran angekommen, fahre ich noch einen serpentinenartigen Radweg hinab in die Stadt. Ein Schild weist vorher darauf hin, dass nun 7 enge Kehren folgen. Vor jeder Kehre wird darauf hingewiesen, wieviele Kurven noch folgen, und “bitte langsam” oder sowas steht noch auf italienisch drauf. Mir Wurscht, ich bin der Einzige und es macht riesen Spaß hier runterzuheizen. Kein Wunder bei dem Sound in den Ohren und dieser atemberaubenden Landschaft :-)

Bei einem kleinen Wehr halte nochmals, da mir die Routenplanung nicht ganz schlüssig erscheint. Ich hab es da an einigen Stellen mit der Planung nicht so genau genommen, und die Radwege sind nicht immer ersichtlich.

Gerade als ich in Richtung Hauptstraße losrolle, springt mir ein Imbisbudenbesitzer in den Weg und weist mich mit einem Mischmasch aus deutsch, englisch und italienisch darauf hin, dass ich mich gerade in Lebensgefahr begebe. In der Tat, es ist eine stark befahrene und kurvenreiche Straße, aber ich weiß es für den Moment nicht besser.

Wie ich später noch feststellen werde, sind die Italiener alles kleine Michael Schumacher, die kennen beim Autofahren leider absolut keine Gnade. Da wird jede Kurve so schnell und so eng genommen wie nur möglich. Man wird noch angehupt, wenn man dabei als Radfahrer den Weg “versperrt”.

Wie auch immer, es gibt einen Radweg, den ich nun glücklicherweise dank des Imbisbudenbesitzers aufsuche und hinunterfahre.

Meran selbst ist dann doch größer als erwartet. Ich finde mitten in der Stadt eine Art Campingplatz. Leider stellt sich das Ganze als Zigeunerdorf heraus. Ich werde von bellenden Hunden und schreienden Kindern vertrieben. Die Hunde sind nichtmal angeleint und scheinen recht agressiv zu sein. Nix wie weg hier! Leichter gesagt als getan mit dem Hänger. Ich muss erstmal absteigen und in 3 Zügen wenden. Diese dämlichen Hunde rasten dabei fast aus… und die Kinder erst. Ein riesen Spektakel! Ich bin froh, dass ich ohne Fleischwunden oder Hörsturz wieder da rauskomme…

Ich beschließe nach dieser Aktion, erstmal aus der Stadt herauszufahren. Es ist mir hier zu laut, es stinkt, und hier treibt sich eine Menge Gesindel herum. Da ist es ein paar Kilometer außerhalb der Stadt definitiv schöner und sicherer. Bilder mache ich keine, diese Stadt ist nicht wirklich sehenswert, jedenfalls nicht die Ecken wo ich unterwegs bin! Und außerdem habe ich nicht mehr viel Zeit, bevor die Dunkelheit hereinbricht.

Aufgrund der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung aller freien Flächen wird es schwer mit der Zeltplatzsuche. Ich finde nix wirklich akzeptables und werde langsam unruhig, die Sonne verschwindet schon hinter den Bergen. Irgendwann fahre ich neben einer Eisenbahntrasse auf einem Radweg entlang. Hier ist im Abstand von 1-2 km nicht viel Zivilisation. Eigentlich gar nicht schlecht… Ich schaue mich immer wieder um, und fahre langsam auf dem Radweg entlang, links die Eisenbahnschienen und rechts von mir der Fluss. Irgendwann geht ein kleiner Weg runter an den Fluss und verläuft dort parallel neben dem Radweg.

Ich beschließe, es hier zu versuchen, auch wenn die Stelle absolut nicht ideal ist. Der Radweg ist stark befahren und führt etwa 3 Meter neben meinem “Campingplatz” entlang. Sichtschutz so 80-90% würd ich mal sagen, also ist Vorsicht geboten. Gemütlich ist es auch nicht gerade, aber was soll’s!

Der Boden ist recht sandig, und ich lege ein paar Blätter aus, damit das Zelt nicht so versaut wird. Keine Ahnung, ob es viel bringt, aber ich fühl mich nach vollbrachter Tat wie ein Urmensch :-)

Gerade hol ich das Zelt aus der Verpackung, in dem Moment fahren oben auf dem Radweg die Carabinieri entlang (italienische Polizei). Ich verharre erstmal in meiner Position und warte, ob sie stehenbleiben und ich Autotüren zuschlagen höre. Glücklicherweise nicht! Ich hatte schon Angst, dass mich Jemand gesehen hat. Ich warte noch 10 Minuten, dann baue ich mein Zelt auf. Es ist gerade fertig aufgestellt und ich putze gerade die Zähne, als die Carabinieri schon wieder vorbeifahren, diesmal in die andere Richtung. Hui, ich hoffe die erwischen mich nicht! Ich lasse den Tag ausklingen und verzichte aufs Kochen, da ich noch etwas Schokolade und ein paar Energieriegel habe. Außerdem will ich hier lieber unauffällig bleiben… kurz darauf lege ich mich ins Zelt und versuche irgendwie einzuschlafen.

Denkste! Leider ist die Bahntrasse vielleicht 10 Meter Luftlinie entfernt und alle 20 Minuten rast ein Schnellzug durch. Ich bin begeistert ;-). Irgendwann nachts ist aber Schluss damit und ich kann endlich einschlafen.

 

Distanz: 128194 m
Maximale Höhe: 1545 m
Minimale Höhe: 252 m
Total Time: 11:02:51

 

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