22.07.2012


Die Reise beginnt…

Meine Gliedmaßen fühlen sich an wie von einer Planierraupe bearbeitet. Geschlafen habe ich kaum, und es war echt saukalt in der Karre. Ich schäle mich irgendwie aus dem Auto und versuche, meine malträtierten Gliedmaßen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Naja, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht, aber wenn man sich schon darauf freut, die nächste Nacht endlich auf einer Isomatte schlafen zu können, sagt das eigentlich schon alles, oder? :-)

Nun geht es erstmal mit dem Auto zum Flughafen. Ich möchte das Auto die nächsten 2 Wochen hier abstellen, da ich in Innsbruck keine Chance für einen kostenlosen Parkplatz sehe. Das Auto irgendwo im Wald abzustellen, kommt für mich auch nicht in Frage, das ist mir zu unsicher. Das Schmerzensgeld am Flughafen beträgt für 2 Wochen 140 Euro. Diese Aasgeier! Egal, dafür verzichte ich immerhin auf die Übernachtung in teuren Hotels. Im Parkhaus angekommen, fange ich an meinen Hänger zu packen und das Rad zusammenzubauen.

Draußen beginnt es, wie aus Eimern zu schütten – das fängt ja gut an…! Ich rolle zum Ausgang und warte noch ein paar Minuten. Leider ist keine Besserung in Sicht. Als gewiefter Bastler, nicht von ungefähr nennt man mich auch McGuyver oder den Heimwerkerking, packe ich 2 Mülltüten aus ;-). Mein Problem ist, dass ich zwar über 1A Regenkleidung verfüge, die ich auch schon übergestreift habe, aber leider nix für die Schuhe habe. Ich habe nur dieses eine paar Schuhe und wasserdicht sind die keinesfalls. Schnell mal auf der Heizung trocknen lassen ist leider auch nicht drin. Nasse Schuhe sind ganz schlecht, wenn man keine anderen Schuhe dabei hat. Ich mache mir aus den Mülltüten ein paar prima Überzieher. Sehr stylisch, oder?

In voller Montur, unbeeindruckt vom Regen, fahre ich aus der Tiefgarageneinfahrt und eiere ein bisschen rum, weil ich überlege wo ich eigentlich lang muss und das GPS noch nicht die Position geortet hat.

Ich war wohl etwas langsam und dank der Klickpedalen bekomme ich die Füße nicht mehr rechtzeitig auf den Boden – BÄMM! Haut’s mich quasi direkt erstmal in den schlammigen Rasen. Klickies – Fluch oder Segen?! Ich mache meinem Frust Luft und rufe erstmal laut “SCHEISSE!”.

Erst kurz darauf sehe ich, dass eine Frau hinter dem Rolltor in der Tiefgarage steht und mich ausdruckslos anstarrt. Als ich sie bemerke, sagt die gute Frau “Grüß Gott.” Oh mann, wird auf jedenfall Zeit, dass ich hier endlich mal loskomme. Die Innsbrucker sind scheinbar etwas seltsam, oder zumindest diese eine Frau, und auch der Tankwart vom letzten Abend. Egal, ich fahre nun erstmal los und rolle erstmal weg von der Tiefgarage. A propos Tankwart: Bei dem war ich gestern abend noch um eine Flasche Wasser zu kaufen. Als ich nun die Straße entlangfahre, steht genau dieser Tankwart plötzlich am Straßenrand und lächelt mir zu. Nette Geste und ich lache auch, aber ehrlich mal, wie lange steht der da schon mit T-Shirt bekleidet im Regen rum? Vielleicht habe ich ja auch schon Wahnvorstellungen, nachdem die letzte Nacht so kurz war… naja, der Tag hat eh verpeilt angefangen, also warum sich Gedanken machen? Also fahre ich erstmal weiter und, na logo, natürlich fahr ich Depp erstmal in die falsche Richtung :-). Da ich bergauf fahre, sollte mir der Fluss neben mir entgegenfließen. Nach ca. 1 km stelle ich anhand dieser Tatsache fast, dass ich vielleicht doch lieber wenden sollte. Ich zoome sicherheitshalber das GPS heraus um die Streckenübersicht zu sehen, und siehe da, ich fahre tatsächlich Richtung Passau.

Ich fahr einen kleinen Umweg, und bin kurz darauf endlich auf dem Weg Richtung Italien.

Trotz des Regens genieße ich die Fahrt bereits jetzt schon sehr. Ich habe meinen letzten Rückzugsort, das Auto, hinter mir gelassen. Jeder Kilometer und jeder weitere Tag dieser Reise bringt mich weiter weg von zuhause, vom Auto, von allem was ich kenne – aber auch ein Stück näher in Richtung meines Zielorts: Ravenna. Das Rad läuft perfekt, die Nabe schnurrt wie ein Kätzchen, der Hänger rollt seidenweich, ich fahre ohne große Anstrengung. Ich bin gespannt, was jetzt alles auf mich zukommt.

Sogar der Regen hört kurze Zeit später auf. Ich verstaue ich meine Regenklamotten im Hänger und fahre von nun an in Trikot und Radhose weiter. Die Landschaft ist zwar noch recht eintönig, aber das wird sich bald ändern. Der plötzliche Wetterumschwung reicht erstmal völlig aus, um mich glücklich zu machen.

9:45 erreiche ich nach ca. 45 km bereits die Ortschaft “Simmering”. Irgendwie ein lustiger Ortsname, mir war diese Bezeichnung bisher nur aus dem Industriebereich bekannt.

Nach weiteren 30 km mache ich erstmal Mittag. Natürlich standesgemäß mit dem Benzinkocher. Es gibt heute Nudeln mit Rindfleisch. Was sich hier nach einer Köstlichkeit anhört, ist in Wahrheit ein brökeliges Substrat, von der Konsistenz her höchstens vergleichbar mit geschreddertem Heu. Immerhin muss man nur heißes Wasser einfüllen, und geschmacklich ist es auch besser als ich dachte. Richtig satt macht dieser Brei leider nicht, aber zum Glück habe ich haufenweise Energieriegel eingepackt, die ich gelegentlich während der Fahrt zu mir nehme.

Mein “Nachtisch” ist absoluter Luxus, den ich mir aber trotz der Platzprobleme einfach nicht verkneifen konnte: Frisch gemahlener Espresso! Türkisch zubereitet ist der gar nicht schlecht. Trotzdem freue ich mich schon auf den Kaffee in Italien :-).

Vielleicht auf diesem Wege mal ein paar Worte zur Landschaft, die wird nämlich immer schöner. Es sieht hier jetzt eigentlich schon so aus, wie man sich das aus der guten alten Milka-Werbung vorstellt. Große, tiefgrüne Wiesen, die sich bis zum Horizont erstrecken, seitlich eingefasst von den Ausläufern der Alpen. Darauf stehen in regelmäßigen Abständen Holzhütten. Die Sonne scheint, nur kleine Wölkchen sind am Himmel zu sehen, Menschen sieht man kaum bis gar nicht. Es ist bis auf ein paar Tiere und den Fluss absolut ruhig und idyllisch hier.

Eigentlich fast schon zu ruhig! Ich habe nach ein paar Stunden Fahrt meinen MP3- Player eingeschaltet. Mit der Musik verliere ich mich beinahe im Trance und die nächsten Stunden vergehen wie im Flug. Zwischendurch tauchen immer mal wieder ein paar sehenswerte Brücken auf, da der Radweg mal links, mal rechts vom Ufer verläuft.

Unterwegs finde ich mehrfach Quellen, an denen ich meine Trinkwasservorräte wieder aufstocken kann. Echt praktisch! Die Teile findet man hier so oft, dass man eigentlich nie Wasser kaufen oder größere Mengen mitschleppen muss.

Gegen 15:30 merke ich für heute leider zum ersten Mal meine Knie. Ich ziehe immerhin etwa 25kg Gepäck und einen 7 kg schweren Hänger hinter mir her, und das bin ich eigentlich nicht gewohnt. Zumal ich ganz schön in die Pedale getreten habe, so wie man es auf längeren Reisen vielleicht nicht gleich am ersten Tag machen sollte :-) Man darf ja auch nicht vergessen, dass es auf diesem Teil der Strecke konstant bergauf geht.

Obwohl ich nicht wirklich weiß, was ich mit der ganzen Zeit noch anfangen soll, suche ich deshalb relativ früh nach einer guten Stelle für meine erste Übernachtung. Flussnah soll es sein, da ich das Wasser zum Waschen der Kleidung gut gebrauchen kann. Etwa 10-15 km nach meiner Entscheidung, ein Lager aufzuschlagen, finde ich nach etlichen Fehlschlägen endlich einen guten Platz. Das Zelt ist vom Weg aus nicht sichtbar und es sind nur ca. 10 Meter bis zum Wasser. Es gibt sogar gestapelte Holzscheite, aus denen ich mir eine kleine Sitzgelegenheit bauen kann.

Sogar einen ziemlich überdimensionierten Kleiderständer gibt es hier:

Das kuschelige Zelt ist kurz darauf aufgebaut :-)

Ich mache noch was zu essen, und schreibe im Zelt liegend diese Tagebuchzeilen. Ich bin ganz schön k.o. und schlafe ein, sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet.

Streckeninformation

Für jeden Tag hab ich jeweils die gefahrene Route und darunter ein paar Informationen zu den Höhenmetern, Gesamtkilometer usw. eingefügt. Die Tracks sind nicht von Pausen, fehlerhaften Wegpunkten etc. bereinigt und dienen daher nur als Grobübersicht.

Die Karte lässt sich übrigens oben rechts in der Kartendarstellung auf Vollbildmodus umschalten.

Distanz: 114572 m
Maximale Höhe: 986 m
Minimale Höhe: 499 m
Total Time: 09:21:28

 

Morgen geht’s weiter!